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Industriestandort Braunschweig: Noch viele Altlasten im Boden

11. August 2017 von
Die Teilnehmer des Planungs- und Umweltausschusses konnten Proben der belastenden Stoffe aus der Nähe betrachten. Foto: Alexander Dontscheff
Braunschweig. Der Industriestandort Braunschweig hat seine Spuren hinterlassen. Noch immer finden sich viele Altlasten im Boden. Andreas Romey, Leiter der Stelle "Bodenschutz, Gewässerschutz" der Stadt Braunschweig, präsentierte dem Planungs- und Umweltausschuss in seiner Sitzung am Mittwoch den derzeitigen Stand der Dinge.

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Braunschweig hat sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts durch zahlreiche Industrie- und Gewerbebetriebe einen Namen als Technologiestandort verschafft. Betriebe wie Voigtländer, Rollei, Siemens, Büssing, MAN, VW, die Wilke-, die Panther- und die Luther-Werke, die MIAG und die BMA sind nur einige Beispiele. Diese lange Tradition habe – auch im Zusammenhang mit der massiven Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg – Folgen im Untergrund hinterlassen. Umweltgefährdende Stoffe wurden seinerzeit in großem Umfang verwendet. Die Gefahr, dass zum Beispiel chlorierte Kohlenwasserstoffe (CKW) auch Beton durchdringen und jahrzehntelang das Grundwasser belasten können, war von niemandem erahnt worden.

Weitere Gründe für die Altlasten seien Brände, Fehleinschätzungen – etwa in die Selbstreinigungskraft des Bodens und des Grundwassers, aber auch Gleichgültigkeit und sogar vorsätzliches Handeln.

Altlastenbearbeitung in Braunschweig:

Bereits seit Ende der 80er Jahre sammelt die Stadt Braunschweig systematisch Informationen im Altlastenkataster der Stadt. Dieses Kataster besteht aus historischen Plänen und Datenbanken zu Altablagerungen, Altstandorten, altlastverdächtigen Flächen und Gutachten sowie aus Einzelakten. Flächen der Bahn sowie Rüstungsaltlasten zählen dazu.

Gezielt wird die Bodenbeschaffenheit bei bekannt gewordenen Schadensfällen und Altablagerungen sowie in den Bereichen erkundet, die einer städtebaulichen Entwicklung zugeführt werden sollen.  Das Altlastenkataster wird aber auch durch systematische Untersuchungen von Betrieben altlastenverdächtiger Branchen – in den letzten Jahren waren dies überwiegend chemische Reinigungen – ergänzt. Diese freiwillige systematische Untersuchung von Altlasten wird vom Land Niedersachsen im Rahmen des FAG-Förderprogrammes (Förderrichtlinie Altlasten- Gewässerschutz) unterstützt. 

Langfristiges Ziel ist es, durch Bodenuntersuchungen Verdachtsmomente auszuräumen um präzise Aussagen treffen zu können, welche Flächen belastet und welche unbelastet sind.

Aktueller Stand:

Bis zum Jahresende 2016 sind in Braunschweig 151 Untergrundverunreinigungen aus Altstandorten bekannt geworden. Aus laufenden Betrieben und Unfällen gab es weitere 29 Schadensfälle. So ergibt sich eine Gesamtzahl zum Jahresende 2016 von 180 Untergrundverunreinigungen.

Um welche Schadstoffe geht es bei den 180 Fällen?

Mit 106 Fällen dominieren die Verunreinigungen mit Mineralöl (MKW), also Diesel, Heizöl und Motorenöl. Den MKW-Schäden folgen die Verunreinigungen mit CKW mit 54 Fällen. Die CKW-Schäden stellen fachlich die bedeutendste Schadstoffgruppe dar. Das liegt an der Dauerhaftigkeit, der Mobilität und an der Gefährlichkeit der CKW für den Menschen: Bereits 10 µg, das heißt 10 Millionstel Gramm verunreinigen einen Liter Wasser so, dass er nicht mehr als Trinkwasser benutzt werden darf. 300 Millionstel Gramm im Kubikmeter Raumluft bedeuten die Grenze dessen, was bei Beachtung der gesunden Wohn– und Arbeitsverhältnisse als tragbar angesehen wird. Verteilt sich also ein einziges Kilogramm CKW in der Umwelt, können damit mehr als 3 Millionen Kubikmeter Luft oder 100 Millionen Liter Wasser kritisch belastet werden. CKW-Belastungen breiten sich mit dem Grundwasserstrom aus, bilden also ausgeprägte „Schadstofffahnen“ und wandern nahe der Eintragsbereich auch in Gebäude.

Den CKW-Schäden folgen anzahlmäßig die Verunreinigungen mit polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) mit 23 Fällen und die Verunreinigungen mit aromatischen Kohlenwasserstoffen (17 Fälle) und zahlenmäßig an letzter Stelle rangieren die Verunreinigungen mit Schwermetallen (12 Fälle).

Wie geht die Stadt mit den Altablagerungen um?

Seit 1989 erfolgt in Braunschweig die systematische Erfassung und Untersuchung der Altablagerungen, also der alten „Müllkippen“. Dabei diente das „Altlastenprogramm Niedersachsen – Altablagerungen“ als Richtschnur. 387 Altablagerungen wurden so erfasst. Viele kleinere Altlablagerungen sind lediglich registriert, aber mangels besonderer Hinweise auf gefährliche Inhaltsstoffe noch nicht orientierend untersucht. Allein die größeren bereits gefährdungsabgeschätzten Ablagerungen weisen insgesamt ein Volumen von rund 15 Millionen Kubikmeter oder eine Masse von rund 24 Millionen Tonnen auf. Solche Mengen – zumal viele Ablagerungen auch noch überbaut sind – können nicht aus der Welt geschafft werden. Für die Nutzer der Flächen sind gegenwärtig keine Gefahren erkennbar. 51 Altablagerungen wurden langjährig beziehungsweise werden noch immer regelmäßig überwacht, indem hier das Grundwasser auf Verunreinigungen untersucht wird.

Was wurde bislang erreicht?

Der bisherige Erfolg der Altlastensanierung kann an den sanierten Fällen gemessen werden, die allerdings untereinander nur bedingt vergleichbar sind: Von den 180 bekannt gewordenen massiven Untergrundverunreinigungen wurden 107 Fälle bislang saniert. In aller Regel verbleiben nach einer Sanierung Restbelastungen, von denen aber bei Nutzungskonstanz keine konkreten Gefahren mehr ausgehen.

Weitere 13 Schäden wurden zumindest teilsaniert. In diesen Fällen hat die Sanierung noch nicht das von der Bodenschutzbehörde angestrebte Sanierungsziel erreicht. In zehn Fällen laufen Sanierungsmaßnahmen.

Die bedeutendste Sanierung war bislang der Abriss und der anschließende Bodenaustausch im Zusammenhang mit dem Stibiox-Werk. Hier wurden insgesamt 204 Tonnen des Schadstoffs Antimon in 42.000 Tonnen Boden/Bauschutt – das sind zirka 1.700 LKW-Züge – entsorgt.

Eine andere Maßzahl der Altlastensanierung ist die entfernte Menge an CKW, also der bedeutendsten Schadstoffgruppe. In der Gesamtbilanz aller Sanierungsmaßnahmen sind bislang 40.000 Kilogramm CKW aus dem Braunschweiger Untergrund entfernt worden. Diese Schadstoffmenge hat das theoretische Potenzial, etwa 1.000 Mal den gesamten Inhalt der Okertalsperre oder einmal den gesamten Inhalt des Bodensees zu verunreinigen. Ziel war aber gerade das Gegenteil, nämlich die Reinigung des Grundwassers als des wichtigsten Gewässers in Braunschweig. Die CKW wurden dabei in der Regel an Aktivkohle adsorbiert und gemeinsam mit dieser ordnungsgemäß entsorgt. Es gab und gibt jedoch auch Verfahren, die auf den biologischen oder chemischen Abbau dieser Stoffe setzen.

Informationen im Internet:

Wesentliche Informationen zum Thema, wie die Karte der Grundwasserverunreinigungen durch Altlasten, die Standorte von Altablagerungen und der jeweils letzte Altdeponiebericht sind im Internet veröffentlicht: http://www.braunschweig.de/leben/umwelt_naturschutz/boden.

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