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Nazi-Aussteiger Michael Berner im Interview

28. Mai 2015 von
Der Braunschweiger Michael Berner hat den Ausstieg aus der rechtsextremen Szene gewagt. Warum er diese Entscheidungen getroffen hat und welche Reaktionen ihn bisher trafen, erzählt er in unserem Interview. Foto: Sina Rühland

Braunschweig. Michael Berner (42) fühlte sich 24 Jahre lang der rechten Szene zugehörig. Er war im Bundesvorstand der rechtsextremen Partei „Die Rechte“ und Kreisvorsitzender in Braunschweig. Außerdem zählte Berner in den vergangenen Jahren zu den führenden Köpfen der deutschen Neonazi-Szene. Jetzt hat er sich für den Ausstieg entschieden und muss seitdem mit Bedrohungen leben. Unterstützung findet er bei der Aussteigerorganisation „EXIT-Deutschland“. Bewusst möchte er an die Öffentlichkeit gehen, um einen Schlussstrich zu ziehen. BraunschweigHeute.de hat ihn zum Interview getroffen.


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In die rechte Szene sei er während seiner Zeit bei der Bundeswehr geraten. Da habe er zum ersten Mal Menschen kennengelernt, die in so eine Richtung gedacht hätten. Ein gemeinsames Konzert, ein gemeinsamer Abend und schon sei er dabei gewesen. „Das ging schneller als man gedacht hat.“ Die Entscheidung für einen Ausstieg sei ein langwieriger Prozess gewesen. „Diese Politik, die betrieben werden soll, die immer so modern und gerecht dargestellt und verkauft wird, ist im Prinzip nichts anderes als eine Beschönigung von dem was damals im Dritten Reich passiert ist.“ Dazu wäre die Verschmelzung mit verschiedenen Gruppierungen gekommen, die sich im Endeffekt gar nicht für Politik interessiert hätten, sondern eigentlich nur auf Krawall aus waren, damit habe er sich überhaupt nicht arrangieren können.

Rechtsextreme Parteien auf Jugendfang

Foto: Sina Rühland

Auf Jugendfang hätte er für „Die Rechte“ nicht gehen wollen, sagt Aussteiger Michael Berner. Foto: Sina Rühland

Berner selbst hat zwei Kinder. Als die innerparteiliche Überlegung aufkam, dass man Jugendliche für die Arbeit von „Die Rechte“ akquirieren wollte, kamen bei ihm weiter Bedenken auf. „Das ist für mich nichts anderes als eine Hitler-Jugend“, so der 42-Jährige. „Vor meinem geistigen Auge habe ich meine eigenen Söhne gesehen, die sind beide 13, und das ist weiß Gott nicht das, was ich möchte […], meine Kinder sollen frei entscheiden.“ Seinen Ausstieg habe er schrittweise vorbereitet. „Ich bin gegen Ende des letzten Jahres nicht mehr zu allen Veranstaltungen gegangen und habe mir Ausreden einfallen lassen. Stück für Stück habe ich den Kontakt einschlafen lassen.“ Ein großes Problem sei dabei seine Ex-Frau gewesen, die immer noch in der rechten Szene verwurzelt sei. Nach der Trennung leitete Berner weitere Schritte zum Ausstieg ein. Seine neue Freundin ist ihm dabei bis heute eine große Stütze, so Berner. Er löschte gut 200 Facebook-Freunde und machte Schritt für Schritt erkennbar, dass etwas passiert – mit der Folge, dass er und seine Kinder bedroht wurden. Zerstochene Fahrradreifen, Falschbestellungen vom Pizzaservice. Nach dem Schritt in die Öffentlichkeit befürchte er nun weitere Anfeindungen. „Ich habe aber keine Angst mich zu wehren und keine Angst zur Not die Polizei zu rufen.“, so Berner. Mit dem Schritt in die Öffentlichkeit wolle er kein Mitleid erwecken, für die Dinge, die er in den letzen Jahren getan hätte, gäbe es keine Entschuldigung. Er habe auch Verfahren gegen sich gehabt, zum Beispiel wegen Beamtenbeleidigung. Näher wolle er sich aber nicht äußern. Es ginge vielmehr darum, seinem Umfeld zu zeigen, dass er den Ausstieg ernst meine.

Klare Positionierung

Berner hat zudem eine persönlicher Erklärung verfasst, die BraunschweigHeute.de vorliegt. Darin distanziert er sich klar von jeglichem rechten Gedankengut. Er schreibt: „Rechtextremismus, Nationaler Sozialismus, Antisemitismus, Nazi/Neonazi, Völkischer Sozialist – Wörter gibt es hierfür mehr als Völker und Kulturen, aber sie alle bedeuten letztendlich nicht mehr als Intoleranz, Gewalt, Mord, Denunzierung, Hass, Rassismus! Die Art sich über alles andere stellen zu wollen, sich die Entscheidung anzumaßen, wer wie wo, oder wer überhaupt leben darf, hat Tag für Tag, und über viele Jahre hinweg mein Leben bestimmt… aber durch zunehmendes, kritisches beobachten, durch verschiedene Schlüsselmomente und durch eine tagtägliche Selbstreflektion habe ich erkannt, dass meine Beweggründe durchgängig falsch und gefährlich waren!“ Weiter schreibt er: „Massenvernichtung, Herrenrasse, Volksgemeinschaft – alte Ideologien in neuer, moderner, bewusst beschöningender Sprache; damit will und kann ich mich nicht identifizieren, und vielleicht konnte ich es sogar niemals wirklich, und war nur zu dumm, um hinter die Fassade zu blicken. Denn im Kontext zu all den immer wieder von Rechts beliebten Argumenten stehen Begriffe wie Verfolgung, Flucht, Traumata, Tod… immer gegenüber Menschen, die meist keine Wahl hatten freie Entscheidungen zu treffen. Das darf nicht die Grundlage für die eigene Unzufriedenheit sein. Er ergänzt: “ Nicht ich als Rechtsextremist bin das Opfer, so wie es bei unzähligen Aufmärschen dieser Bewegung immer wieder gern dargestellt wird – Nein, ich bin Täter – und daran gibt es kein Wort schönzureden.“ Er schließt seine Ausführungen mit dem Satz: “ Abschließend möchte ich nur jeden warnen der Versuchung dieser nach außen so verlockenden Szene zu wiederstehen, und sein Leben nicht so zu verschwenden, wie ich es getan habe.“

Wie rechtsnah ist Bragida?

Bei den ersten Bragida-Veranstaltungen wäre er noch dabei gewesen. Da man ihn mehrfach dazu aufgefordert habe, wäre er mitgegangen. Bragida-Organisatorin Tina Müller kenne er nicht persönlich, ihre Aussage, sie kenne keine Personen aus der rechten Szene, bezeichnete Berner als kompletten Humbug. Müller würde ausschließlich mit Leuten aus der rechtsextremen Szene zusammenarbeiten. Die Bragida-Gründerin würde nur ihren Namen für die islamfeindliche Bewegung hergeben und den Rechtskampf führen.

Der Ausstieg mit EXIT-Deutschland

Die Organisation „EXIT-Deutschland“ hat Michael Berner bei seinem Ausstieg aus der rechtsextremen Szene maßgeblich unterstützt. Mit dem Rechts-gegen-Rechts-Spendenlauf in Wunsiedel hat Exit zuletzt mediale Aufmerksamkeit errungen. Im November 2014 liefen Neonazis, ohne ihr Wissen, für die gute Sache. Mit jedem zurückgelegten Meter gingen Spenden für die Arbeit der Berliner Organisation ein.

Das Stigma des Verräters bleibt haften

Exit Deutschland, Dr. Bernd Wagner, Dipl.-Kriminalist, und Fabian Wichmann. Foto: Sina Rühland

Dr. Bernd Wagner und Fabian Wichmann von Exit-Deutschland. Foto: Sina Rühland

Nachdem sich Michael Berner an Exit wandte, hatte er sich schon kontinuierlich von der rechtsextremen Szene gelöst. „Die Leute kommen über ganz unterschiedliche Stellen an uns. Mal ist es ein Anruf, über Facebook, E-Mails, Bekannte oder auch aus dem Gefängnis heraus. Zunächst schauen wir, wie die ideologische und geistige Befindlichkeit der Person ist, wie die Konfliktlage aussieht. Im Falle von Herrn Berner haben wir gesehen, dass er sich bereits allmählich von Freunden und Bekannten aus der Szene löste“, erklärt Dr. Bernd Wagner, Dipl.-Kriminalist bei Exit-Deutschland. Aussteiger würden oft von ihrem ehemaligen Umfeld bedroht, es gäbe meist rhetorischen Ärger. Es käme aber auch zu Gewalt. „Das Stigma eines Verräters lastet auf ihnen“, so Wagner. Meldet sich ein Aussteiger bei der Organisation, werden mehrere individuelle Szenarien des Ausstieges erarbeitet. „Es ist eine Lebensentscheidung, die getroffen wird“, so Michael Berner. Alleine schaffe man den Ausstieg nicht. Man müsse sein ganzen Leben hinterfragen und damit rechnen, kaum noch Freunde zu haben. Die, die blieben, seien die Echten.

Michael Berner im Interview

Verantwortliche Redakteure: Robert Braumann, Sina Rühland

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