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Organspende: Ein Herz, das Geschenk ihres Lebens

7. Juni 2014 von
Brigitte Thiele mit einem selbstgezeichneten Bild. Ein ähnliches hat sie den Angehörigen ihres Spenders anonym zukommen lassen - als Dank für ihr neues Herz. Foto: Christina Balder

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Braunschweig. Zwei künstliche Herzen hat Brigitte Thiele gehabt, bevor sie ein neues bekam. Das Herz eines Fremden hat ihr wieder einen Puls geschenkt und ein leichteres, aber kein unbeschwertes Leben. Ihr Weg bis zur Transplantation war relativ kurz, doch in den Kliniken ist sie Menschen begegnet, die während der Wartezeit auf ein neues Organ Unbeschreibliches durchleiden. Die Braunschweigerin wünscht sich, dass jeder einen Organspendeausweis bei sich trägt – egal, was er darauf ankreuzt. 


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Vermutlich durch einen Gendefekt hatte das Herz von Brigitte Thiele Anfang 2011 nur noch ein Zehntel der Kraft, die es haben sollte. Da war sie 58. Nach einer Operation an den Herzklappen sammelte sich Wasser in ihrem Körper, „ich sah aus wie ein Michelin-Männchen, konnte mich nicht mal mehr an der Nase kratzen“, erzählt sie. Sie hatte schon mit dem Leben abgeschlossen, als ihr Kardiologe sie überredete, weiterzumachen. Sie bekam zwei Kunstherzen eingepflanzt, für jede Herzkammer eines – das ist selten. Meist reicht eines aus.

Ja, verstehen kann Brigitte Thiele jeden, der sich dagegen entscheidet, seine Organe nach seinem Tod zu spenden. „Aber darüber nachdenken, das sollte jeder wenigstens mal tun“, sagt sie. Sie hat Menschen gesehen, junge und ältere, die lange auf Wartelisten standen, monatelang im Krankenhaus lagen und auf ein Organ warteten. „Diese Leute gehen psychisch wirklich in die Knie, darüber müsste mal geredet werden!“, fordert sie. Nach immer neuen Skandalen, darunter auch in Göttingen, waren die Spenderzahlen rapide gesunken. „Ein Herr lag von Dezember bis Dezember und hat gewartet auf ein Herz – dann ging er mit einem künstlichen nach Hause“, erzählt Thiele.

Kein Puls, dafür ein „Surren wie ein alter Kühlschrank“

Sie selbst hatte sich nach einem knappen Jahr damit einigermaßen arrangiert und noch gar nicht mit einem Spenderherz gerechnet, als am Gründonnerstag 2013 der Anruf kam. Alles musste schnell gehen. Noch mal duschen, in den Krankenwagen, nach Hannover fahren, operiert werden. „Dass ich mich von meinem Mann verabschiedet habe, weiß ich gar nicht mehr – so daneben war ich“, sagt sie. Dass es so schnell ging, war pures Glück. Zufällig passte die Blutgruppe, die Größe, das Alter eines Spenders.

Durch die zwei künstlichen Herzen hatte sie keinen Herzschlag mehr gehabt, keinen Puls. Die Maschinen pumpen das Blut einfach konstant durch den Körper. „Nachts, wenn es still war, hat sich das Surren angehört wie ein alter Kühlschrank“, erzählt sie. Im Ultraschall hatte sie sehen können, wie ihr Herz nicht schlug. Als dann das neue da war, hat sie das überwältigt. Sie vergleicht es mit dem ersten Blick einer werdenden Mutter auf die Ultraschallaufnahme ihres Kindes: „Als ich zum ersten Mal mein Herz habe schlagen sehen, da war es, als würde ich Fünflinge sehen. Ich habe geheult wie ein Schlosshund.“

Das neue Herz versteht sie als Geschenk – ihr Besitz ist es nicht

Dem Menschen, dessen Herz nun in ihr schlägt, ist sie ewig dankbar. Wer er oder sie war, wird sie nie erfahren, aber sie hatte die Möglichkeit, den Angehörigen anonym einen Brief zukommen zu lassen. „Ich wusste nicht, was soll ich schreiben? Wie nennt man diesen Menschen? Spender? Das klingt wie ein Ding“, erzählt sie. Sie entschied sich, zu zeichnen statt zu schreiben – ein Nest mit drei kleinen Eiern darin. Und sie hofft, sich irgendwann persönlich bedanken zu können. „Das ist doch ein schöner Gedanke, dass es was gibt, wo man sich hinterher noch mal trifft“, sagt sie.

Brigitte Thiele hofft auch, dass die Angehörigen des Verstorbenen Trost finden in dem Gedanken, dass ein Teil von ihm noch auf der Welt ist und jemand anderem hilft. Das neue Herz versteht sie als Geschenk. „Aber ich habe keinen Besitzanspruch. Es wäre auch vermessen zu sagen: Das ist jetzt meins. Das ist es nicht.“

Vor der Transplantation haben sie sich schon überlegt, ob das für sie überhaupt in Frage käme. „Schließlich muss ja erst jemand sterben, damit ich ein Herz bekomme“, sagt sie. Andererseits: Wer in Deutschland Spender ist, hat sich bewusst dafür entschieden und einen Ausweis ausgefüllt. Das ist gleichzeitig Vor- und Nachteil. Denn oft genug gibt es gar keine Willenserklärung, dann müssen die Angehörigen entscheiden. „Alleine, um die zu entlasten“, findet Thiele, „müsste jeder, auch jeder Nicht-Spender, einen Ausweis bei sich tragen.“

„Die Lebenden haben den Kummer, nicht die Toten“

Brigitte Thiele selbst wäre durchaus bereit, zu spenden. Ob eines ihrer Organe noch zu gebrauchen sein würde, wusste sie lange nicht, aber probieren könnte man es ja. „Selbst wenn mir heute etwas passieren würde, könnte man dieses Herz noch jemand anderem transplantieren“, sagt sie.

Sich überhaupt erst einmal zu überlegen, ob und wenn ja, was man zu spenden bereit ist, ist eine Hürde, die so mancher nicht nimmt, wenn er nicht muss. Die Widerspruchsregelung, wie es sie beispielsweise in Österreich gibt, hält Thiele daher durchaus für sinnvoll. „Dann muss man sich ja Gedanken machen“, sagt sie. Die Regelung in Deutschland findet sie zu lasch. Viele Deutsche begriffen erst, wie wichtig Organspende sei, wenn sie oder ihre Lieben selbst ein neues Organ brauchten.

Die Menschen müssten verstehen, dass es nicht um das Wohl des Gestorbenen geht. „Die Lebenden haben den Kummer, nicht die Toten“, sagt Thiele. „Für die Toten kann man nichts mehr tun, aber die, die noch leben, denen kann man helfen.“ Trotzdem: auch eine Entscheidung gegen das Spenden hält Thiele für legitim.

Weniger Staub wischen, mehr leben

Wütend wird die sonst gut gelaunte 61-Jährige, wenn Menschen öffentlich sagen, man sei erst tot, wenn das Herz nicht mehr schlage – erst, wenn im Fall des Hirntods auch alle Maschinen abgestellt sind. „So kann man damit nicht umgehen“, sagt Thiele. Sie verweist auf das Beispiel Dänemark. Dort würden bei einem hirntoten Menschen im Beisein der Angehörigen für zehn Minuten alle Maschinen abgestellt. Ohne künstlich aufrecht erhaltenen Herzschlag könnten die Familien besser verstehen, dass ihre Mutter, ihr Bruder oder ihr Kind tatsächlich gestorben sei. Danach würden dann die Organe entnommen.

Gelernt hat Brigitte Thiele vor allem, sich weniger um die unwichtigen Dinge zu kümmern. „Ich muss nicht ständig Staubwischen, der Staub kommt eh wieder“, sagt sie. Das neue Leben, das sie geschenkt bekommen hat, soll nicht wie früher in Arbeit und Pflichten untergehen.

  • Der 7. Juni ist der Tag der Organspende. Unter anderem im Städtischen Klinikum kann man sich heute zu dem Thema informieren.
  • Laut einer Umfrage haben bisher nur 28 Prozent der Bundesbürger einen Organspendeausweis ausgefüllt, dabei hätten 70 Prozent nichts gegen eine Organentnahme nach ihrem Tod.  Etwa 11.000 Menschen warten auf ein Spenderorgan. In jedem Jahr sterben etwa 1.100 von ihnen, weil es nicht genügend Spenderorgane gibt.
  • Die Krankenkasse AOK bietet auf ihrer Internetseite eine „Entscheidungshilfe“ an, mit der man anhand von Fakten seine eigene Meinung zum Thema Organspende bilden kann.
  • Ein Organspendeausweis muss nicht beantragt werden, sondern einfach nur ausgefüllt. Als Willenserklärung reicht auch ein Zettel im Portemonnaie. Einen offiziellen Ausweis zum Ausdrucken gibt es unter anderem hier oder auf der entsprechenden Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA), wo es auch viele weitere Informationen gibt.

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