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30. September 2015
Undercover in Kralenriede: Ein Ladendieb und „Fuck you all“

Die Polizei wurde zu einem Ladendiebstahl gerufen. Foto: Werner Heise
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Kralenriede. Als Journalist unerkannt habe ich mich für ein Wochenende nach Kralenriede begeben. Ich habe zugehört und zugeschaut. Was ich erlebt habe, habe ich in dem folgenden Erfahrungsbericht, in zwei Teilen (lesen Sie hier Teil 1), festgehalten.


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Samstagmittag ging es für mich erneut nach Kralenriede, mein Ziel waren erst einmal wieder die Lebensmittler. Noch bevor ich auf den Penny-Parkplatz fahren kann, fallen mir, im Vergleich zum Vorabend, die doch recht vielen Menschen-Ansammlungen auf. Eine sich unterhaltende Gruppe von ihnen versperrt mir die Zufahrt, bleibt stehen und geht erst durch energisches, wildes Winken meinerseits zur Seite. Eine weitere Gruppe, offenbar eine Großfamilie, steht drüben auf der Seite von Aldi und ist lautstark, fröhlich und klatschend, am Singen. Ich begebe mich in den Penny-Markt, an dessen Eingang mir sofort ein Sicherheitsmann, der die Hände auf Achselhöhe in seine schwarze „Security-Weste“ geheftet hat, auffällt. Schritt auf, Schritt ab, scheint er den Markt und seine Kunden genauestens zu beobachten. Ich hole mir eine Müller-Milch, reihe mich brav an der Kasse in die Schlange, der meist für mich fremdländisch sprechenden Kunden ein, bezahle und verlasse den Markt wieder. Wirklich Besonderes ist mir hier nicht aufgefallen.

Die Angst vor Ausländern

Nachts Penny Kralenriede Foto: Werner Heise

Am Abend zuvor war es hier definitiv ruhiger.

Ich laufe über die Parkplätze, trinke meine Milch und beobachte das doch recht lebhafte Treiben dort. Ein Deutsch sprechender Mann mit Fahrrad, steht auch dort herum und unterhält sich mit einer älteren Frau. „Wer soll denn hier noch einkaufen gehen bei den ganzen Ausländern? Da traut sich doch keiner mehr“, teilt er seine Meinung mit. Die Frau nickt. Wenn man etwas gegen die Anwesenheit von optisch ausländisch wirkenden Menschen hat und einem das aus welchen Gründen auch immer – auf die ich nicht komme – Angst macht, so muss ich ihm – das man sich unter Angst nicht traut – Recht geben. An diesem Mittag sind definitiv recht viele von ihnen, offenbar Asylsuchende, hier vor Ort.

Wohin mit dem Müll?

Und da wir gerade bei dem Parkplatz sind. Man hört auch immer wieder Stimmen, die sich beschweren, dass dort recht viel Müll herumliegen würde. Das kann ich bestätigen, Müll liegt dort herum. Auf der Suche nach einem Mülleimer für meine leere Flasche Müller-Milch wurde ich nicht fündig. Keine Angst, ich habe sie nicht zu dem anderen Müll geschmissen, sondern in mein Auto gelegt.

Auf frischer Tat ertappt: Ein Ladendieb bei Aldi

POlizei Kralenriede Aldi DIeb Foto: Werner Heise

Erwischt. Die Polizei nimmt den Ladendieb mit.

Als nächstes besuchte ich Aldi. Mir fiel sofort die für diesen Lebensmittler typisch lange Schlange, mit nur einer geöffneten Kasse auf. Die Kundschaft bestand – und auch hier kann ich wieder nur vermuten – zu großen Teilen aus Bewohnern der Landesaufnahmebehörde. Am Brot- und Brötchenregal nehmen sich zwei junge Männer mit den Händen frische Backwaren aus den Fächern, zählen es in eine Tüte hinein und legen davon dann einfach wieder welche zurück ins Fach. Oha, denke ich. Das ist aber nicht sehr lecker. Wissen die beiden Männer offenbar nicht, dass man das eigentlich nicht macht. Ich gehe weiter und suche nach dieser leckeren Tafel Kokos-Schokolade, als mir ein junger Mann links neben mir auffällt. Extrem lange starrt er die Verpackung von irgendetwas Essbarem in seinen Händen an. Ich gucke schon gar nicht mehr nach meiner Schokolade, sondern denke nur, dass er doch wohl nicht…doch, er tat es sehr wohl: schwupps, verschwand die Verpackung in seiner Tasche. Es dauerte nicht lange, da verschwand das nächste Teil unter seinem Cap auf dem Kopf. Ich wollte es nicht glauben was ich sah, ärgerte mich, dass ich das tatsächlich gesehen hatte. Und während ich das tat verschwand er durch die Eingangstür aus dem Laden. Was tun? Zugucken und schweigen? Das konnte ich nicht und informierte einen Mitarbeiter, der den Ladendieb noch fassen konnte. Polizeisprecher Joachim Grande teilte mir später auf Anfrage mit, dass es sich um einen 27-jährigen Bewohner der Landesaufnahmebehörde handelt, der insgesamt Waren im Wert von 20,89 Euro gestohlen hatte. Zudem habe er falsche Angaben zu seinen Personalien gemacht.

Anzahl an Diebstählen „deutlich gestiegen“

Zum Zeitpunkt des Diebstahls war kein Sicherheitspersonal vor Ort. Dieses würde erst ab 14 Uhr anfangen zu arbeiten. Ob so etwas denn öfter vorkommen würde, frage ich die Kassiererin. „Ach, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Schlimm, ganz schlimm!“, antwortet sie mir. Insgesamt verzeichnet die Polizei an diesem Wochenende noch drei weitere Ladendiebstähle. Zudem sei die Anzahl von Diebstählen in den dort ansässigen Geschäften allgemein „sicher deutlich gestiegen“, wie Joachim Grande auf Anfrage bestätigt. Nicht von der Hand zu weisen ist aber auch die Zahl der vielen, vielen Kunden, die aus Richtung der Landesaufnahmebehörde kommen und die in die Läden strömen, sich regelkonform an der Kasse anstellen und ihre Waren bezahlen. So wie die zwei dunkelhäutigen Kunden einen Laden weiter bei Görge, die vor mir an der Kasse anstehen und Tomaten, Rucola-Salat, Limetten und anderes gesundes Gedöns einkaufen. Mit ihnen komme ich kurz ins Gespräch, als sie um Hilfe bitten eine Prepaid-Karte fürs Handy zu finden. Warum hier so viele von ihnen stets am Telefonieren sind frage ich die beiden und erhalte die traurige Antwort, dass sie auf der Suche nach ihren Familien sind. Auf der Flucht hätten sie sich verloren.

„Fuck you all“

Dass ich wieder durch die Wohngebiete spaziert bin, die Straße rauf und runterlief, vielen Leuten begegnete, brauche ich hier nicht weiter aufzuführen. Es war relativ unspektakulär. Bis auf meine Beobachtung der langen Schlange „hinter dem Zaun“, die sich einfach nicht vorwärts bewegen wollte. Wer in der Landesaufnahmebehörde Mittagessen möchte, der muss anscheinend sehr viel Geduld mit sich bringen.

Am Abend wird es dann noch einmal kurios, kurz bevor die Läden schließen. Ich lehne am Geländer vor Aldi und beobachte wieder einmal das Treiben, als plötzlich ein Mann mittleren Alters mit seiner Einkaufstüte aus dem Markt kommt. Den vor dem Markt stehenden – vermutlich – Flüchtlingen ruft er entgegen: „Fuck you, fuck you all. Fickt euch!“, bevor er in sein Auto einsteigt und davon fährt.

Mädchen, die wie Katzen klingen

Nachdem die Läden geschlossen haben, leert sich der Platz. Zwar kommen immer wieder Leute, die hoffen, dass die Lebensmittler noch geöffnet haben vorbei, treten dann aber auch gleich wieder den Rückweg an. Nur an der Bushaltestelle in Richtung Zentrum, dort pulsiert noch eine ganze Weile das Leben. Zwei junge, laut plappernde, kreischende und lachende Mädchen mit Hund gesellen sich mit rund zwei Metern Abstand dazu. Ich spaziere an der Bushaltestelle und somit auch an den Mädchen vorbei. Während sich die große Gruppe Wartender gar nicht für mich interessiert, tun es die Teeanger offenbar um so mehr. Als ich auf deren Höhe ankomme geben sie ein lautes Katzen imitierendes „Mijauuuuuuuu“ in meine Richtung von sich und lachen sich schlapp.

An diesem Abend kam es übrigens noch zu einem weiteren Einbruchsalarm bei Penny. Ebenso wie am Vorabend soll sich dieser jedoch als Fehlalarm herausgestellt haben. Offenbar ausgelöst durch zu starkes rütteln an der Tür, von potentiellen Kunden die dachten es sei noch geöffnet. Und auch der Notarzt fährt mit Blaulicht über den Steinriedendamm mit Ziel Landesaufnahmebehörde. Hier kam es offenbar zu einem internistischen Notfall bei einem Bewohner der Einrichtung.

Das Leben hat sich verändert

Ich selbst trat die Heimreise an und nehme die Erkenntnis mit, dass sich das Leben vor Ort in Kralenriede sicherlich verändert haben muss. Wie es sich verändert hat, dies wird jeder nur individuell nach seinem eigenen Empfinden beurteilen können und in erster Linie natürlich die Bewohner dieses Braunschweiger Ortsteils. Dass die Landesaufnahmebehörde überbelegt ist, ist kein Geheimnis. Das die Politik dringend handeln muss ebenso wenig. Und auch die Bestätigung der Polizei, dass es durch Bewohner der Landesaufnahmebehörde zu Straftaten kommt, ist kein Geheimnis. Alle Asylsuchenden über einen Kamm zu scheren, zu verallgemeinern und dadurch die Menschenrechte zu verachten, das ist nicht richtig und genau so falsch wie jedem kommentierenden Facebook-User pauschal eine grenzenlose Blödheit zu bescheinigen – oder?


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