Alternative zur Werkstatt für Menschen mit Behinderung hat sich etabliert

17. August 2019
Uwe Rump-Kahl und Nicole Arendt begleiten Menschen mit Behinderungen auf ihrem Weg ins Berufsleben. Foto: DRK
Wolfenbüttel/Braunschweig. Bisher war der berufliche Weg nach der Schule für Menschen mit Behinderungen vorgezeichnet: Es ging in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen (WfbM). Dem einen anderen Weg entgegenzusetzen, war das Ziel bei der Gründung des Fachdienstes zur Beruflichen Eingliederung (FBE). In diesen Tagen feiert die Einrichtung der DRK-inkluzivo Wolfenbüttel gGmbH sein fünfjähriges Bestehen und zieht ein durchweg positives Fazit.

„Wir haben eine Alternative zur Werkstatt geschaffen“, freut sich inkluzivo-Geschäftsführer Uwe Rump-Kahl. Rund 60 Maßnahmen habe der FBE mit 30 Personen durchgeführt. Davon haben elf inzwischen einen Arbeitsvertrag. Der FBE sei die einzige Einrichtung seiner Art im Großraum Braunschweig. Den nächsten vergleichbaren Anbieter in Niedersachsen gebe es erst wieder in Osnabrück. Der Wolfenbütteler Fachdienst begleite daher Menschen in einem Umkreis von bis zu 60 Kilometern – von Goslar bis nach Peine.

„Wir haben eine Alternative zur Werkstatt geschaffen“

Begleitung sei dabei das entscheidende Wort. Es bezeichne die Methode, mit der die Jobcoaches des FBE erfolgreich Menschen in Arbeitsverhältnisse auf den ersten Arbeitsmarkt vermitteln. „Wir gehen auf jeden unserer Teilnehmer individuell ein und begleiten ihn über einen langen Zeitraum von bis zu drei bis vier Jahren“, so Rump-Kahl. Für den Teilnehmer bestehe die Möglichkeit, sich für dieses Angebot und zunächst gegen die Werkstatt für Menschen mit Behinderungen zu entscheiden. In der Werkstatt würde er während des Berufsbildungsbereichs verschiedene Stationen in den dortigen Arbeitsbereichen durchlaufen. „Bei uns lernt der Teilnehmer ebenfalls verschiedene Berufsfelder kennen, allerdings direkt in Betrieben“, erklärt Rump-Kahl den Unterschied.

Gemeinsam schauen die DRK-Mitarbeiter mit den Teilnehmern, wo deren Stärken und Interessen liegen. „Wir versuchen nicht herauszufinden, was die Menschen nicht können. Wir verwenden unsere Energie lieber darauf, herauszufinden was sie können“, erklärt Nicole Arendt, Fachleitung und Jobcoach. In der sogenannten Einstiegsphase, die zwischen sechs Wochen und drei Monaten dauere, gehe es um die Kompetenzen der Teilnehmer. „Viele müssen erstmal ihre Talente erkennen und arbeiten lernen“, berichtet Rump-Kahl. Pünktlichkeit oder eigenständiges Busfahren stehe dann beispielsweise auf dem Lehrplan.

Talente erkennen und arbeiten lernen

Anschließend finden die DRK-Mitarbeiter einen ersten Praktikumsplatz. Beim Arbeitgeber arbeiten die Jobcoaches gemeinsam mit den Teilnehmern. „Wir begleiten sie individuell und trainieren mit ihnen am Arbeitsplatz die dort geforderten Tätigkeiten“, erklärt Arendt. „Erst platzieren, dann qualifizieren“, laute daher der Slogan des FBE. Dieses „Training on the job“ unterscheide das DRK-Angebot von den anderen Anbietern in der Region.

Der gesamte Prozess dauere meist mehrere Jahre und beinhalte zahlreiche Praktika. „Bei einer gewöhnlichen Ausbildung haben alle jungen Erwachsene drei Jahre Zeit zu lernen, was arbeiten bedeutet – diese Zeit sollte man unseren Teilnehmer auch geben“, so Arendt. Am Ende stehe das Ziel, den für den Teilnehmer besten Arbeitsplatz zu finden. Für einige könne das auch bedeuten, dass sie für sich entdecken, dass sie in einer klassischen Werkstatt für Menschen mit Behinderung am liebsten arbeiten möchten und entscheiden sich bewusst dafür. „Hier wird ebenfalls geschaut, ob der Teilnehmer dort zufrieden ist. Wir absolvieren auch dort zuvor ein gemeinsames Praktikum, um zu sehen in welcher Einrichtung und welche Tätigkeit die beste für den Teilnehmer ist.“

Prävention gegen Fachkräftemangel

Die Unternehmen, die mit dem FBE kooperieren – bislang rund 60 – schätzen dieses Angebot. „Sie erkennen, dass unsere Teilnehmer ganz spezielle Kompetenzen haben, mit denen sie ihre Fachkräfte entlasten können“, sagt Rump-Kahl. Auch so könnten Betriebe also dem Fachkräftemangel etwas entgegensetzen. Überhaupt sei das FBE-Vorgehen volkswirtschaftlich sinnvoll. „Von uns vermittelte Teilnehmer haben einen Arbeitsvertrag und zahlen Steuern und Sozialversicherungen“, erklärt Rump-Kahl.

Der erste FBE-Teilnehmer, der vor fünf Jahren begonnen habe, sei inzwischen seit zwei Jahren beim Klinikum Peine fest angestellt und werde von seinem Jobcoach noch einmal im Monat besucht. Er sei lernbehindert und sei die Schulzeit über von einem Schulassistenten begleitet worden. „Wir haben damals als erstes mit ihm trainiert, alleine Bus zu fahren. Das konnte er vorher nicht. Inzwischen hat er seine Führerscheinprüfung abgelegt und sich sein erstes Auto gekauft“, blicken Rump-Kahl und Arendt stolz auf den Lebensweg ihres ersten Teilnehmers.

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