Forschungspreis 2014: „Der demographische Wandel ist kein Versagen“

22. November 2014 von
Psychologin und Alternswissenschaftlerin Prof. Dr. Ursula Staudinger wurde mit dem Braunschweiger Forschungspreis 2014 geehrt. Foto: Sina Rühland

Braunschweig. Für ihre herausragenden Forschungsleistungen auf dem Gebiet der Veränderbarkeit des Alternsprozesses und deren Folgen für den demographischen Wandel ist Prof. Dr. Ursula Staudinger nun mit dem Braunschweiger Forschungspreis 2014 ausgezeichnet. Die Psychologin und Alternswissenschaftlerin sagt anhand ihrer Expertisen „Wir sind in der Lage uns selbst zu gestalten.“

Die sukzessive Alterung der Gesellschaft wird oftmals als bedrohlich wahrgenommen. Dass eben dieser schleichende Wandel durchaus positive Chancen bietet, erklärt Prof. Dr. Ursula Staudinger mit ihren Forschungsergebnissen. Sie sagt: „Der demographische Wandel ist kein Versagen. Unsere Kultur verändert die Biologie und die Biologie verändert die Kultur.“ Der Mensch habe mittlerweile eine 30 Jahre höhere Lebenserwartung, als dies vor hundert Jahren der Fall war. Das erhöhte Lebensalter erfordert, bezieht man die Faktoren Gesundheit und Arbeit mit ein, ein gesellschaftliches Umdenken – der demographische Wandel muss kein unlösbares Problem darstellen. „Das Altern, das wir aus der Vergangenheit kennen, ist nicht das Altern der Zukunft“, sagt Staudinger.

Wer länger gesund arbeitet, der lebt auch länger

Um das Potential des längeren Lebens auch effektiv und individuell nutzen zu können, müsste man sich den Herausforderungen stellen, so die Preisträgerin. Entscheidend sind dabei eine gesunde Lebensweise, Arbeitsbedingungen und die Lebenseinstellung: „Ein positiver, optimistischer Blick auf das Älterwerden ist wichtig.“ Dabei stützt sie die These, dass der Mensch, der länger arbeite, auch länger lebe. Daran geknüpft seien jedoch gewisse Bedingungen. So wäre eine wöchentliche Arbeitszeit von 30 Stunden, im Alter zwischen 20 und 70 Jahren, sehr förderlich, um ein produktives und glückliches Leben im Alter zu schaffen. So ist es wünschenswert, dass im mittleren Erwachsenenalter mehr Zeit für das Privatleben bleibt und eine längere Berufstätigkeit im Alter angesetzt wird. Dabei fordert eintönige, qualifikationsunabhängige Arbeit irgendwann ihren Tribut. Auch der Weg in den Renteneintritt sollte möglichst schrittweise erfolgen: „Bei Menschen, die von hundert auf null in den Ruhestand gingen, war nach einiger Zeit ein negativer Effekt zu entdecken – psychologische Krankheitsdiagnosen“, so Staudinger.

Theoretisch kann also jeder so lange arbeiten, wie er eben kann und will. Die geistige Leistungsfähigkeit lässt sich – insofern keine hindernde Krankheit diagnostiziert ist – steigern und stützen. Die Herausforderung besteht nun darin, diese Potentiale zu erkennen und als Gesellschaft darauf zu reagieren. Die Forschung kann lediglich die wissenschaftlichen Abhandlungen liefern.

Der Braunschweiger Forschungspreis für die Leistung

Kulturdezernentin Dr. Anja Hesse, TU-Präsident Prof. Dr. Jürgen Hesselbach, Forschungspreisträgerin Prof. Dr. Ursula Staudinger, Oberbürgermesiter Ulrich Markurth sowie der Präsident der Leopoldina-Akademie Prof. Dr. Jörg Hacker. Foto: Sina Rühland

Kulturdezernentin Dr. Anja Hesse, TU-Präsident Prof. Dr. Jürgen Hesselbach, Forschungspreisträgerin Prof. Dr. Ursula Staudinger, Oberbürgermeister Ulrich Markurth sowie der Präsident der Leopoldina-Akademie, Prof. Dr. Jörg Hacker. Foto: Sina Rühland

Prof. Dr. Ursula M. Staudinger erhielt am Freitagabend den Braunschweiger Forschungspreis 2014. Vor 120 geladenen Gästen im Haus der Wissenschaft Braunschweig stellten Oberbürgermeister Ulrich Markurth, der Niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, TU-Präsident Prof. Dr. Jürgen Hesselbach und Laudator Prof. Dr. Jörg Hacker, Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, die Wichtigkeit der Forschungs- und Wissenschaftsregion Braunschweig heraus und ehrten die Leistungen der Preisträgerin. Der Braunschweiger Forschungspreis wurde zuletzt 2011 verliehen.

Markurth erklärte, dass der Braunschweiger Forschungspreis Ausdruck des Wissenschaftsstandortes Braunschweig sei und Instrument, um diesen nachhaltig und zukunftsorientiert voranzubringen. „Braunschweig wird heute, gerade auch in nationaler und internationaler Perspektive, als bedeutende Universitätsstadt und herausragender Forschungsstandort wahrgenommen“, so Markurth. Dies sei sowohl für die städtische Identität als auch für das Bild der Stadt in der überregionalen Öffentlichkeit wichtig.

Der Niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil. Foto: Sina Rühland

Der Niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil. Foto: Sina Rühland

Prof. Dr. Ursula Staudinger bedankte sich für die Grußworte und betonte, dass sie sich dem Land Niedersachsen aufgrund ihres ehemaligen Wohnortes Bremen und ihrer Tätigkeit in der Volkswagen Stiftung sehr verbunden fühle. Auch mit Braunschweig verbinde sie langjährige Beziehungen, sowohl mit der Region als auch der Technischen Universität. Zu ihrer Auszeichnung sagte sie: „Ich freue mich sehr über den Braunschweiger Forschungspreis. Ganz besonders, weil damit die interdisziplinäre Alternsforschung, die ich vertrete, in eine Reihe gestellt wird mit der Innovationskraft der Technik- und Naturwissenschaften, die bisher in den Preisträgern gewürdigt wurden.“

Prof. Dr. Ursula Staudinger

Die 55-jährige Psycholgoin und Alternswissenschaflerin ist Gründungsdirektorin des Columbia-Aging-Centers der Columbia University in New York. Seit 2003 ist sie Professorin für Psychologie sowie Vizepräsidentin und Dekanin an der Jacobs University Bremen. Gastprofessuren hat Staudinger an der Stanford University in den Vereinigten Staaten.

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