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Julya Rabinowich erhält Friedrich-Gerstäcker-Preis

17. April 2018
Juliya Rabinowich erhielt den Friedrich-Gerstäcker-Preis. Foto: Michael Mazohl
Braunschweig. Die Autorin Julya Rabinowich erhält für ihr Buch "Dazwischen: Ich" den mit 8.000 Euro dotierten Friedrich-Gerstäcker-Preis für Jugendliteratur der Stadt Braunschweig. Die Auszeichnung wird am Mittwoch, 16. Mai um 18 Uhr im Braunschweiger Altstadtrathaus überreicht. Dies teilt die Stadt in einer Pressemitteilung mit.

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In dem 2016 im Hanser Verlag erschienenen Roman erzählt Julya Rabinowich die Geschichte des 15-jährigen Mädchens Madina, das mit ihrer Familie vor dem Krieg in ihrer Heimat flieht und in einem Land ankommt, das Sicherheit verspricht. Doch nicht allen in ihrer Familie fällt es leicht, Fuß zu fassen. Und so ist es an Madina, Mittlerin zu sein zwischen ihrer Familie im Flüchtlingsheim und dem unbekannten Leben außerhalb. Sie nimmt das Schicksal ihrer Familie in die Hand und findet in Laura eine Freundin, die für sie in der Fremde Heimat bedeutet. „Dazwischen: Ich“ handelt von Freundschaft, Migration und das Erwachsenwerden in Zeiten von Krieg und Verfolgung.

Die Begründung der Preisjury lautet:

„Julya Rabinowich legt mit „Dazwischen: Ich“ ein wertvolles literarisches Werk zum Thema Flucht und Integration vor. Die 15-jährige Erzählerin ist mit ihren Eltern, dem jüngeren Bruder und der Tante aus einem vom Krieg zerstörten Land geflohen. Die Familie wartet wie viele andere in einem Übergangsheim für Flüchtlinge auf die behördliche Entscheidung, ob dem Asylantrag stattgegeben wird. Während Madina die fremde Sprache erlernt hat, die Schule besucht und erste Freundschaften knüpft, kämpft in der Familie jeder auf seine Art mit der neuen Situation. Das junge Mädchen gerät mehr und mehr zwischen die Kulturen. Hier das alltägliche und von jugendlichen Wünschen und Träumen geprägte Lebensumfeld im Aufnahmeland, dort die Lebensentwürfe der Eltern, im Besonderen des Vaters, und die gewohnten Traditionen. Madinas Alltag, geprägt von Vergleichen mit Gleichaltrigen und Dankbarkeitsgefühlen gegenüber Helfenden und von dem Wunsch, so zu sein und so zu leben wie alle Mädchen, wird zur Zerreißprobe. Das Familiengefüge ist einer schweren Belastung ausgesetzt.

Julya Rabinowich gelingt in einem fließenden Wechselspiel von Tagebuch-Monolog und Erzählung ein beeindruckender Roman über das Leben eines geflüchteten jungen Mädchens. Die empathische und authentische Darstellung von Madinas schmerzhaftem Weg in das Erwachsenenleben hat sie mit Mut, Kraft und mit Hoffnung unterlegt. Darüber hinaus zeigt sie, dass der Krieg in der Fremde für die Geflüchteten nicht zu Ende ist. Sensibel verweist sie in kleinen Szenen auf Traumatisierungen und zeigt die Sorge um die Menschen, die zurückgelassen wurden. Eindringlich vermittelt sie die Belastung für alle Familienmitglieder und zeigt, wie viel Kraft aufgebracht werden muss, um in der Fremde neu anzufangen.

Die Sprache, ganz aus dem jugendlichen Empfinden heraus mal abgehackt in Kurzsätzen ohne Personalpronomen, mal kluge Lebensweisheiten transportierend, später in kurzen poetischen Traumsequenzen, zeichnet sich aus durch souveräne sehr lebensnahe Dialoge und spiegelt detailreich die Gefühlslagen der jungen Protagonistin ebenso wie das komplexe Thema Flucht und Integration wider.

Somit steht Madinas Weg aus Krieg und Zerstörung in eine neue, fremde Heimat exemplarisch für Tausende junger Geflüchteter aus unterschiedlichen Krisengebieten. Der literarisch und thematisch gleichermaßen wertvolle Roman ist auch ein aufrüttelnder Aufruf, das Leiden der Zivilbevölkerung in Kriegs- und Krisengebieten nicht aus dem Bewusstsein auszublenden. Insofern ist der Roman in seiner politischen Aktualität als notwendig zu begrüßen. Er ist darüber hinaus ein an der Realität orientiertes, eindringliches Gesellschaftsbild eines Aufnahmelandes, das mit den Lebensvorstellungen der Geflüchteten konfrontiert wird. In dieser Spiegelbetrachtung ist der Roman „Dazwischen Ich“ eine aktuell erforderliche Bestandsaufnahme und ein Appell zu einem immer wieder notwendigen Perspektivwechsel, wenn Toleranz und Solidarität nicht leere Worte bleiben sollen.“

Die Jury

Mitglieder in der neunköpfigen Preisjury waren Udo von Alten (Friedrich-Bödecker-Kreis e. V.), Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Joachim Behr (Germanist, ehemals TU Braunschweig), Dr. Annette Boldt-Stülzebach (Stadt Braunschweig, Abteilung Literatur und Musik), Ute Wegmann (Germanistin, Autorin, freie Journalistin), Sabine Lippert (Stadtbibliothek Braunschweig), Thomas Ostwald (Friedrich-Gerstäcker-Gesellschaft), Katrin Wonschik (Buchhandel), Claudia Pierick und Daniel Erfurt als Vertreter der Jugendjury.

Die Autorin

Die Preisträgerin wurde 1970 in St. Petersburg geboren und lebt seit 1977 in Wien. Die Autorin schreibt auch Theaterstücke und ist zudem Bildende Künstlerin, Simultandolmetscherin und Kolumnistin in der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“. Für ihren Debütroman „Spaltkopf“ (2008) erhielt sie u. a. den Rauriser Literaturpreis (2009). 2011 nahm sie an den Tagen der deutschsprachigen Literatur (Bachmann-Preis, Shortlist) teil. Weitere Literaturwerke sind „Herznovelle“ (2011, nominiert für den Prix du Livre Européen) und die Romane „Die Erdfresserin“ (2012) und „Krötenliebe“ (2016). „Dazwischen: Ich“ ist ihr erstes Jugendbuch.

Der Preis

1947 von der Stadt Braunschweig gestiftet, erinnert der Friedrich-Gerstäcker-Preis für Jugendliteratur an den Weltreisenden und Abenteuer-Romancier Friedrich Gerstäcker, der seine Jugend und seine letzten Lebensjahre in Braunschweig verbrachte. Der älteste deutsche Jugendbuchpreis wird in diesem Jahr zum 32. Mal verliehen. Im zweijährigen Turnus wird ein Buch ausgezeichnet, das Jugendlichen im Alter ab zwölf Jahren das Abenteuer der Begegnung mit fremden Welten fantasievoll vor Augen führt und dabei die Gedanken der Toleranz und Weltoffenheit in sprachlich anspruchsvoller Form näherbringt. Den Preis erhielt zuletzt Dirk Reinhardt. Zuvor ging er u. a. an Anna Kuschnarowa, Martin Grzimek, Anja Tuckermann, Iva Procházková und Christa-Maria Zimmermann.

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