Klinikum steigert Leistung und Umsatz: am Ende bleibt ein Defizit

16. August 2019
Von links: Ärztlicher Direktor Dr.Thomas Bartkiewicz, Geschäftsführer Dr. Andreas Goepfert, Aufsichtsratsvorsitzender Oberbürgermeister Ulrich Markurth und stellvertretende Pflegedirektorin Ina Wegner berichteten über das Jahresergebnis 2018. Foto: Klinikum Braunschweig/Peter Sierigk
Braunschweig. Entgegen dem Bundestrend eines stagnierenden Krankenhausmarktes hat das Klinikum Braunschweig im Geschäftsjahr 2018 sowohl bei Umsatz als auch Leistung ein kontinuierliches Wachstum verzeichnen können. So steigerte das Klinikum seine betrieblichen Erlöse von 330,8 Mio. Euro in 2017 auf 349,6 Mio. Euro in 2018 um 18,8 Mio. Euro (+ 5,68 Prozent). Ein Erfolg, der am Ende jedoch nicht honoriert wurde. Das Jahresergebnis bleibt mit einem Defizit von 4,9 Mio. Euro unter den positiven Resultaten der Vorjahre. Dies berichtet das Klinikum in einer Pressemitteilung.

„Unsere Situation erscheint fast schon paradox“, bemerkte Klinikum-Geschäftsführer Dr. Andreas Goepfert, „und zeigt, wie sehr die Finanzierung des deutschen Gesundheitssystems inzwischen selbst krankt.“ Als Faktoren einer zunehmenden Verschärfung der Rahmenbedingungen des Klinikums nannte er unter anderem die für Krankenhäuser unbefriedigende Entwicklung seit Einführung der Fallpauschalen im Jahre 2003. Diese habe zu einem immer weiteren Auseinanderklaffen der Kosten-Erlös-Schere geführt. Auch funktioniere die Duale Finanzierung des Krankenhauswesens, nach der die Bundesländer – gesetzlich vorgeschrieben – für die Investitionskosten zuständig sind, immer weniger. Das betreffe das Klinikum besonders, weil es sich durch die Umsetzung des Zwei-Standorte-Konzepts und die Errichtung einer Zentralklinik am Standort Salzdahlumer Straße inmitten eines Transformationsprozesses befinde. Zusätzlich kämen noch der Fachkräftemangel, eine bürokratische Überregulierung im Gesundheitswesen und steigende Prüfquoten durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen hinzu. Fazit: Das Klinikum hatte sich für 2018 hohe Leistungsziele gesteckt, konnte diese aber trotz bestehendem Versorgungsbedarf aufgrund gestiegener Personalkosten und baulicher Belastungen, wie beispielsweise Abschreibungen und Zinsaufwendungen für Fremdkapital nicht erreichen. Ohne Sondereffekte hätte sich das Jahresergebnis sogar auf rund minus 17,5 Millionen Euro belaufen. Mithilfe von Erlössteigerungen durch Ausgleiche aus den Vorjahren sowie einer veränderten Abgrenzungsmethodik ambulanter Leistungen und durch die Auflösung von Rückstellungen, den Verkauf von Anlagevermögen und weitere Sondereffekte konnte das Jahresergebnis um 12,6 Millionen Euro verbessert werden.

Aufsichtsratsvorsitzender Ulrich Markurth, zugleich Braunschweigs Oberbürgermeister, machte Mut und zollte den Beschäftigten des Klinikums Dank und Respekt: „Sie mussten sich mit strukturellen Veränderungen auseinandersetzen. Das beinhaltet immer zusätzliche Belastungen, dabei wird durch den Fachkräftemangel eine hohe Flexibilisierung abgefordert und durch die zunehmende Bürokratisierung geht Zeit am Patienten verloren.“ Zugleich unterstrich Markurth das Postulat der öffentlichen Daseinsvorsorge und verwies auf die Bedeutung des Klinikums als Maximal- und Schwerpunktversorger für die Stadt und die Region.

Trendwende eingeleitet

Eine mittelfristige Trendwende sei eingeleitet worden. Demnach sei unter anderem  das Programm zur Ergebnisverbesserung „skbs.performance“ gestartet worden. Ziel von skbs.performance sei es, das Know-how aller Mitarbeitenden im Rahmen von Projekten zu nutzen, um Strukturen, Abläufe und Klinikprozesse in den kommenden Jahren zu optimieren und effizienter zu gestalten. Dazu würden alle relevanten Bereiche des Klinikums einer sorgfältigen Analyse unterzogen, um dann in einem weiteren Schritt potenzielle Lösungen und Verbesserungen zu entwickeln und umzusetzen. Zusammen mit der Belegschaft sollen so im Rahmen von mehreren Projekten klinikweite einheitliche Standards und effiziente Abläufe etabliert werden. Am Ende sollen Belastungen systematisch verringert, Investitionsfinanzierungen sichergestellt und Effizienz nachhaltig gesteigert werden. Weitere Potenziale und Synergien sollen von 2023 an durch die Realisierung des Zwei-Standorte- Konzeptes zum Tragen kommen. Dann werde es nach Aufgabe des Standortes Holwedestraße nur noch die Klinikum-Standorte Salzdahlumer Straße und Celler Straße geben – mit einer dadurch deutlich höheren Kosteneffizienz.

In der Prognose ergebe sich so für 2019 ein Jahresergebnis von zirka minus 16,0 Mio. Euro. Das wäre eine Verbesserung gegenüber dem Ergebnis (ohne Sondereffekte) aus operativer Tätigkeit in 2018 um zirka 1,5 Mio. Euro. Dadurch könne der negative Trend gestoppt werden, hieß es weiter. In der Folge sei es Ziel, mit Hilfe eines nachhaltig wirkenden Ergebnisverbesserungsprogramms über die nächsten Jahre das Jahresergebnis ohne Sondereffekte schrittweise zu verbessern, um ab dem Jahr 2024 wieder ein ausgeglichenes Ergebnis zu erreichen, die schwarze Null.

Die Zahl der Patienten ist weiter gestiegen

Pro Jahr würden mehr als 65.000 Patienten stationär und rund 200.000 ambulant behandelt werden. Zwar habe das Klinikum Braunschweig 2018 bei den Umsatzerlösen ein Plus von mehr als 18 Mio. verbucht, was einem Zuwachs von 5,6 Prozent entspricht. Dieses hätte jedoch nicht die Steigerung bei den Personalkosten in Höhe von 14,5 Mio. Euro (plus 7,1 Prozent) ausgleichen können. Der Fachkräftemangel in bestimmten medizinisch-pflegerischen Bereichen habe sich ebenfalls negativ auf das Jahresergebnis ausgewirkt. Aufgrund dessen habe es phasenweise Kapazitätseinschränkungen gegeben, die durch externe Leihkräfte überbrückt werden mussten. Hierdurch entstanden allerdings zusätzliche Kosten. Die Veränderungsgeschwindigkeit im deutschen Krankenhauswesen habe sich im vergangen Jahr weiter beschleunigt.

„Die gesamte Krankenhausbranche ist derzeit durch eine angespannte Finanzsituation herausgefordert, die auch vor dem Klinikum Braunschweig nicht haltmacht. Krankenhäuser in Deutschland stehen unter einem großen wirtschaftlichen Druck, dieses gilt auch für Häuser in kommunaler Trägerschaft“, Klinikum- Geschäftsführer Dr. Andreas Goepfert. „Einerseits werden erbrachte Leistungen durch die Krankenkassen nicht immer kostendeckend refinanziert, wie zum Beispiel die Notaufnahmen, andererseits sehen sie sich mit einem hohen Investitionsbedarf in den Bereichen Infrastruktur und Medizintechnik gegenüber.“

Viele Investitionen wurden im letzten Jahr getätigt

Das Klinikum habe trotz Negativ-Ergebnisses mehr als 31 Mio. Euro investiert. Hiervon entfallen zirka 19 Mio. Euro auf noch nicht abgeschlossene Baumaßnahmen und zirka 12 Mio. Euro auf medizinische Geräte.
Ergebnisverbesserungsprogramm solle Effizienz des Klinikums nachhaltig steigern Mithilfe eines Ergebnisverbesserungsprogramms solle in den nächsten fünf Jahren mittels operativer und strategischer Maßnahmen die Effizienz des Klinikums nachhaltig und mit Augenmaß gesteigert werden. Hierzu gehöre beispielsweise Prozesse zu optimieren, das vorhandene Leistungsspektrum zu erweitern sowie die Steigerung der Personalattraktivität und Personaleffizienz.

Rahmenbedingungen werden deutschlandweit schwieriger

Nach Einschätzung der Geschäftsführung werde es auch in den nächsten fünf Jahren nicht mehr gelingen, ein positives Jahresergebnis zu erreichen. Ein Blick in die deutsche Krankenhauslandschaft zeigt, dass diese Entwicklung nicht nur das Klinikum Braunschweig betreffe. Durch die Einführung der Fallpauschale im Jahr 2003 wurden die Krankenhäuser im verstärkten Wettbewerb angehalten, sich möglichst wirtschaftlich zu organisieren. Die Krankenhäuser hätten sich dieser Herausforderung mit Erfolg gestellt. Eine weitere Verschärfung der Rahmenbedingungen führe allerdings in immer mehr Kliniken zu negativen Prognosen für das Jahr 2019.

Fachkräftesituation führt zu Mangel an Pflegekräften

Die Ursachen für den Leistungsrückgang seien vielfältig: Ein wesentlicher Faktor sei der bereits prognostizierte und sich weiter verschärfende Fachkräftemangel. Der finanzielle Druck im Gesundheitssystem habe dazu geführt, dass Pflegepersonal im Krankenhaussektor kontinuierlich abgebaut wurde. Das stelle nicht nur ein Problem für die gesetzlich geregelte Leistungserbringung dar, sondern gefährde perspektivisch auch das Patientenwohl. Neben möglichen Versorgungsengpässen habe dies massive Auswirkungen auf die Krankenhäuser selbst: Verminderte Kapazitäten würden zu weniger Behandlungsfällen und zu weniger Erlösen führen. Finanzielle und versorgungsbedingte Defizite seien die logische Folge. Eine fatale Kausalkette, die sich auch auf das Klinikum auswirke.

Erbrachte Leistungen werden nicht bezahlt

In zunehmendem Maße werden die Rechnungsstellungen der Krankenhäuser auf Anforderung der Krankenkassen durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen geprüft und in der Folge gekürzt. Im Klartext heißt das: Der Medizinische Dienst prüft und bewertet nach Abschluss einer medizinischen Behandlung, ob überhaupt eine stationäre Krankenhausbehandlung notwendig und ob jeder einzelne Tag der Krankenhausbehandlung begründet war. Für die Kliniken bedeutet es einen hohen Aufwand, diese Prüfung zu begleiten und zu dokumentieren. In der Summe nehmen die Rechnungskürzungen des Medizinischen Dienstes in den Krankenhäusern durch einen massiven Aufbau der Ressourcen auf deren Seite deutlich zu. Für das Klinikum Braunschweig bedeutet das Verluste in Höhe eines höheren einstelligen Millionenbetrags. Diese Erlöse fehlen den Krankenhäusern in ihren Ergebnissen, zumal die Leistungen als solches erbracht wurden.

Versorgungsstrukturen in der Notfallversorgung sind unzureichend

Das deutsche Gesundheitssystem sehe weiterhin eine strenge Trennung der ambulanten und stationären Versorgung vor. Gleichzeitig bewirken Innovationen und Entwicklungen in der Medizin, dass viele Behandlungen nicht mehr stationär im Krankenhaus erfolgen müssen. Allerdings würden Krankenhäuser in der Notfallversorgung von Patienten mit leichteren Erkrankungen und Verletzungen geradezu überlaufen. Aus der reinen Versorgungssicht entscheiden sich gerade Krankenhäuser in der Fläche häufig dafür, diese Fälle zu behandeln. Anschließend würden sie durch die Krankenkassen mit dem Hinweis auf eine medizinisch mögliche ambulante Versorgung bestraft und die Rechnung für die erbrachte Leistung werde nicht bezahlt. Mehr als die Hälfte aller Rechnungskürzungen der Krankenkassen würden sich auf vermeintliche Fehlbelegungsfälle berufen.

Unzureichende Investitionsfinanzierung der Länder

Die Länder würden ihrer Investitionsverpflichtung seit Jahrzehnten nicht ausreichend nachkommen. Das habe langfristige Folgen für viele Krankenhäuser. Für das Klinikum würden bei den notwendigen Investitionen hohe Eigenanteile bleiben. Die Ergebnisse des Klinikums werden dadurch jährlich mit rund vier Mio. Euro Abschreibung und stark steigender T endenz belastet. Um diese Belastungen auszugleichen, müsse auch das Klinikum Braunschweig aus seinem Krankenhausbetrieb erhebliche Gewinne erwirtschaften.

Zum Jahresbeginn habe Niedersachsens Sozial- und Gesundheitsministerin Dr. Carola Reimann einen Förderbescheid von weiteren 20 Millionen Euro überreicht. Bereits im Vorfeld wären kleinere Maßnahmen durch das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung für die Baumaßnahmen an den beiden Standorten Salzdahlumer Straße und Celler Straße mit Fördermitteln in der Höhe von 43 Millionen Euro unterstützt worden. Diese Maßnahmen würden die Grundlage für die derzeit laufenden Projekte bilden, welche bereits erfolgreich abgeschlossen wurden. Insgesamt stelle das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung bis zur Umsetzung des „Zwei- Standorte-Konzeptes“ 221 Millionen Euro für das Klinikum Braunschweig zur Verfügung, wovon bis Ende 2018 bereits 105,4 Millionen Euro ausbezahlt wurden. Mit den zusätzlichen 20 Millionen Euro seit Jahresbeginn steige diese Summe auf 125,4 Millionen Euro an.

Die Finanzierung der Krankenhausinvestitionen über öffentliche Fördermittel sei für viele Krankenhäuser nicht mehr ausreichend, um den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen. Laut Krankenhaus-Barometer 2018 des Deutschen Krankenhausinstituts stammen 44 Prozent der investiven Mittel der Krankenhäuser aus öffentlichen Fördermitteln. Hierzu zählen die Einzel- und Pauschalförderung, die in einigen Bundesländern verwendete Baupauschale sowie die Mittel für die Universitätskliniken. Nehme man die Fördermittel aus dem Strukturfonds gemäß den §§ 12 bis 14 des Krankenhausfinanzierungsgesetzes hinzu, so liege der Anteil der aus öffentlichen Mitteln stammenden Investitionen der Krankenhäuser bei 45 Prozent. Das bedeute im Umkehrschluss, dass über die Hälfte der von den Krankenhäusern eingesetzten investiven Mittel nicht aus öffentlichen Fördermitteln stammen würden. Den nicht geförderten Anteil der Investitionen müssten die Krankenhäuser anderweitig aufbringen.

Kostenschraube im DRG-System ist endlich

Das DRG-System sehe vor, dass die tatsächlichen Behandlungskosten regelmäßig in einem deutschlandweiten Querschnitt erhoben werden. Die Vergütung durch die Krankenkassen werde entsprechend angepasst und erfolgreiche Maßnahmen zur Kostensenkung aus der Vergangenheit einkalkuliert. Die Folge: Wenn Krankenhäuser erfolgreich ihre Produktivität steigern, was im Klinikum nachweislich geschehen ist, werden sie durch kontinuierlich sinkende Preise für ihre verbesserten Leistungen bestraft. Systembedingt müssten deshalb immer neue und zusätzliche Wirtschaftlichkeitsreserven gehoben werden, die allerdings durch erfolgreiches Handeln in der Vergangenheit nicht mehr zur Verfügung stehen. Auch das kontinuierliche Wachstum durch Ausweitung der Fallzahlen greife als Maßnahme nicht mehr.

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