Projekt für Gleichbehandlung: „Männer und Frauen in einem Boot“

18. Juni 2018
Die Helden aus den Lesetexten: Kira Hallwachs (links) lernte während ihres Kenia-Aufenthalts die „Helden“ aus den Texten der Vorleseaktion persönlich kennen: neben ihr „die Löwin“ Sibia, Millicents Vater Lukas sowie die langjährige LebKom-Mitarbeiterin Kerstin Hesse und eine Praktikantin. Foto: Center for PROFS
Braunschweig. Eine Vorlese-Aktion stellte ein erfolgreiches Projekt gegen weibliche Genitalverstümmelung in Kenia vor. Eine Braunschweigerin war mit vor Ort, teilt der LebKom e.V. mit.

„Davon hatte ich nie zuvor gehört“, sagte ein Zuhörer, der eigentlich wegen des Auftritts von Sänger und Gitarrist Paul Joseph zu einer Lesung über die Problematik „Weibliche Genitalverstümmelung“ (FGM) in der DRK-KaufBar erschienen war – ein erstaunliches Nicht-Wissen angesichts der Tatsache, dass nach aktuellen internationalen Studien 200 Millionen Frauen und Mädchen weltweit von der Beschneidung und ihren lebenslangen physischen und psychischen Folgen betroffen sind.

Um darauf aufmerksam zu machen, wie diesen Mädchen präventiv geholfen werden kann, hat der Verein „Lebendige Kommunikation“ (LebKom), der sich seit 15 Jahren mit seinem Fulda-Mosocho-Projekt (FMP) erfolgreich gegen diese schwere Menschenrechtsverletzung einsetzt, eine bundesweite Vorleseaktionen mit dem Titel „Wüstenblume muss nicht sein – die Kisii, das Wissen und der Wandel“ initiiert.

In Braunschweig fand nach November vergangenen Jahres bereits zum zweiten Mal eine solche Lesung statt. Wieder hatte die Braunschweiger LebKom-Ehrenamtliche Kira Hallwachs gemeinsam mit dem Gleichstellungsreferat der Stadt Braunschweig und Gastgeberin Heike Blümel in die DRK-KaufBar eingeladen. Das Besondere: Sozialpädagogin Hallwachs, die beruflich mit dem Thema sexuelle Gewalt gegen Mädchen befasst ist, hatte sich erst kurz zuvor als freiwillige Helferin während ihres Urlaubs für vier Wochen ein eigenes Bild vom Fulda-Mosocho-Projekt gemacht.

„Wandel in den Köpfen“

Diesem ist es unter wissenschaftlicher Begleitung mithilfe von Wissenstransfer und Schulungseinheiten nach dem Wert-zentrierten Ansatz (mit dem Ziel der Gleichbehandlung von Mann und Frau) gelungen, innerhalb von 15 Jahren die Beschneidungsrate in der Region Mosocho von 96 auf unter 20 Prozent zu senken und das Projekt jetzt auf zwei Nachbarregionen auszuweiten. „Es ist unglaublich, wie der Wandel in den Köpfen der Menschen innerhalb kurzer Zeit funktionieren konnte“, staunt die 28-Jährige. Sie unterstützte in Kenia die Arbeit der langjährigen LebKom-Mitarbeiterin Kerstin Hesse und führte beispielsweise mit 15- bis 18-jährigen Mädchen eine Schulungseinheit durch, in der es um „das Wunder des männlichen und weiblichen Körpers“ ging. Hoffnung habe ihr die Einstellung der Menschen gemacht: „Diese richten ihren Blick nach vorne; auch wenn sie sich selbst und ihre älteren Kinder zum Teil vor diesem seit Jahrtausenden verwurzelten Brauch nicht hatten retten können, setzen sie sich nun für die Unversehrtheit der jüngeren Jahrgänge ein.“

Ein Beispiel dafür ist Sibia Nyambeki aus Mosochos Nachbarregion Kisii-South, die wie „eine Löwin“ dafür gekämpft hatte, ihre Enkelinnen Lilian und Sharon vor der Beschneidung zu bewahren. Den Bericht der 47-jährigen Farmerin rezitierte Anna Krause, die beim Fulda-Mosocho-Projekt ein Praktikum mit mehrwöchigem Arbeitsaufenthalt in Kenia absolviert hat.

Aus der zweiten Region, Marani, berichtet Lukas Makori, der seine sechsjährige Tochter gegen den Widerstand der Großfamilie vor FGM gerettet hatte und sich jetzt ehrenamtlich für den Schutz aller Mädchen einsetzt. Seinen Text gab Danny Schulz wieder, der sich durch seine Freundin Kira Hallwachs mit dem Thema beschäftigt hat. „Wie die Männer offen waren, sich neue Informationen über einen so persönlichen Bereich ihres Lebens überhaupt anzuhören, daraufhin ihr eigenes Verhalten kritisch hinterfragten und dann tatsächlich änderten, das ist eine starke Leistung!“, äußert sich der Diplom-Kaufmann anerkennend.

Heike Blümel betonte im Grußwort, wie wichtig es sei, für das Projekt sowohl Männer als auch Frauen ins Boot zu holen, und zwar in Deutschland genauso wie in Kenia.
Eine Zuhörerin erkundigte sich nach Möglichkeiten, von Deutschland aus den bedrohten Mädchen und Frauen zu helfen. Die Nachfrage nach dem „neuen Wissen“ ist laut dem von Kira Hallwachs vorgelesenen Erfahrungsbericht Kerstin Hesses auch in den neuen Regionen weitaus größer als das Schulungsangebot, das LebKom derzeit finanziell zu stemmen vermag.
Das weckte bei Musiker Paul.Joseph und seinen Kollegen der Band „You Silence I Bird“ die Idee zu einem Benefizkonzert zugunsten des Fulda-Mosocho-Projektes. Die Stadtverwaltung widmet sich dem Thema FGM auf ihrer Homepage unter http://www.braunschweig.de/leben/frauen/hilfe/fgmfgc.html. Dort findet sich unter anderem der Link zum Fulda-Mosocho-Projekt: www.fulda-mosocho-project.com.

Allgemeine Information:

Der gemeinnützige Verein „Lebendige Kommunikation“ (LebKom) mit Sitz in Fulda engagiert sich seit über 30 Jahren für die Gleichstellung und Gleichbehandlung von Mann und Frau. Ein Schwerpunkt hierbei ist das Fulda-Mosocho-Projekt, das 2002 auf Anregung kenianischer Frauen nach der Weltfrauenkonferenz in Nairobi von der Fuldaer Professorin Dr. Muthgard Hinkelmann-Toewe ins Leben gerufen wurde und seitdem nachhaltig für den Schutz afrikanischer Mädchen vor Genitalverstümmelung (FGM) eintritt.

FGM gilt international als schwere Menschenrechtsverletzung und wird in 29 afrikanischen Staaten und einigen asiatischen Ländern ungeachtet der gesetzlichen Verbote praktiziert. Über 200 Millionen Frauen und Mädchen sind weltweit davon betroffen. So wie in Kenia, wo die Beschneidungsrate in der Region Mosocho, der Heimat der Kisii-Ethnie, bei 98 Prozent lag. Mithilfe von Wissenstransfer und Schulungseinheiten, basierend auf dem „Wert-zentrierten Ansatz“, konnte ein beeindruckender Bewusstseinswandel in der Bevölkerung und ein Rückgang der Rate auf weit unter 20 Prozent bewirkt werden.

Beim Wert-Zentrierten Ansatz handelt es sich um eine wissenschaftliche Strategie, mit der auf Augenhöhe mit den teilnehmenden Männern und Frauen ein neues Bewusstsein für die Gleichberechtigung der Geschlechter als individueller und gesellschaftlicher Wert erarbeitet wird. Dadurch blieben bislang 30.000 Mädchen vor FGM und den daraus resultierenden lebenslangen Einschränkungen bewahrt und sind in ihren Familien nun sicher. Mittlerweile ist das Projekt auf die Nachbarregionen Marani und Kisii South ausgeweitet worden. Laut einer UNICEF-Studie aus dem Jahr 2010 zählt es zu den fünf weltbesten Projekten weltweit, die an der Abschaffung von weiblicher Genitalverstümmelung arbeiten.

Weitere Informationen:

Informationen unter www.fulda-mosocho-project.com. Die Vorlese-Aktion ist Teil des bundesweiten entwicklungspolitischen Projektes „Weibliche Genitalverstümmelung – mehr Engagement für bedrohte Frauen und Mädchen in Afrika! Ehrenamt stärken, Jugend erreichen, Entscheidungsträger bewegen“ und wird von ENGAGEMENT GLOBAL im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und dem Hessischen Wirtschaftsministerium (HMWEVL) gefördert.

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