Studie: Beeinflusst Gendern die Textverständlichkeit?

28. Mai 2019
Geschlechterbewusste Sprache. Foto: János Krüger/TU Braunschweig
Braunschweig. Viele Texte beginnen mit Generalklauseln wie „Aus Gründen der Verständlichkeit werden im Text nur männliche Formen verwendet. Frauen sind selbstverständlich immer mitgemeint.“ Eine Studie des Instituts für Pädagogische Psychologie der Technischen Universität Braunschweig hat in einem Experiment geprüft, ob geschlechterbewusste Sprache die Textverständlichkeit tatsächlich beeinträchtigt. Die Ergebnisse der Studie wurden in der aktuellen Ausgabe des „Swiss Journal of Psychology“ veröffentlicht, so die TU Braunschweig in einer Pressemitteilung.

Seit mehreren Jahrzehnten werde darüber gestritten, wie die Geschlechter in Texten repräsentiert werden sollten. Befürworter des sogenannten „generischen Maskulinums“ argumentieren, dass es eine im Deutschen gut etablierte Regel sei, männliche Formen zu verwenden, wenn sowohl Männer als auch Frauen gemeint sind und dass die Texte dadurch einfacher und verständlicher würden. Die Befürworter geschlechterbewusster Sprache argumentieren hingegen, dass die Verwendung männlicher Formen für beide Geschlechter die Rechte, Interessen und Leistungen von Frauen weniger sichtbar macht.

Geschlechterbewusste Sprache durch Beidnennungen

Tatsächlich würden zahlreiche Studien belegen, dass die Verwendung männlicher Formen bei den Lesenden vor allem Vorstellungen von Männern hervorrufe. Wenn im Text hingegen sowohl männliche als auch weibliche Formen oder neutrale Formen verwendet werden, rufe dies deutlich ausgewogenere Vorstellungen von Männern und Frauen hervor. Experimente würden zum Beispiel auch zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau für eine Position im Management als passend und geeignet angesehen werde, signifikant höher sei, wenn in der Stellenausschreibung sowohl die männliche als auch die weibliche Form verwendet werde – verglichen mit einer identischen Stellenausschreibung, die nur männliche Formen verwende.

Dr. Marcus C. G. Friedrich und Prof. Dr. Elke Heise von der TU Braunschweig haben ein Experiment durchgeführt, in dem sie geprüft haben, ob eine geschlechterbewusste Sprache Texte – wie so oft behauptet – tatsächlich weniger verständlich macht. Untersucht wurde ein authentischer Stromliefervertrag eines deutschen Stromversorgers. Der Original-Text bestehe aus 938 Wörtern und verwendet nur männliche Formen. An 39 Stellen stehe „Kunde“, „Kontoinhaber“ oder „er“. Um den Text in eine geschlechterbewusste Sprache zu übersetzen, wurden diese Stellen einfach systematisch durch sogenannte Beidnennungen ersetzt, zum Beispiel „Kunde oder Kundin“. Dieser Text bestehe aus 1.013 Wörtern.

Studenten bewerten Texte 

Zwei Experten für Textverständlichkeit bewerteten den Original-Text allerdings als unnötig kompliziert. Sie hätten daher eine verständlichere Version des Original-Textes erarbeitet (1.364 Wörter). Auch von dieser optimierten Version des Stromliefervertrags wurde eine geschlechterbewusste Version erzeugt (1.519 Wörter). In einem Experiment wurde dann 355 Studierenden per Zufall eine der vier Versionen des Stromliefervertrags vorgelegt. Anschließend hätten die Versuchspersonen die Verständlichkeit des Textes bewertet, den sie vorher gelesen hatten. Die Ergebnisse hätten gezeigt, dass es keine Unterschiede zwischen den Versionen gäbe, die nur männliche Formen verwendeten, und den Versionen, die sowohl männliche als auch weibliche Formen verwendeten.

Es zeigten sich allerdings große Unterschiede zwischen den zwei Versionen des Original-Textes und den beiden optimierten Versionen: Die optimierten Versionen wurden als deutlich verständlicher bewertet. Die Ergebnisse sollen in Zukunft mit anderen Personengruppen noch einmal geprüft werden, zum Beispiel an Schülern. Die Ergebnisse stünden im Einklang mit früheren Studien zum Einfluss geschlechterbewusster Sprache und Textverständlichkeit und sprächen dafür, dass eine geschlechtergerechte Sprache – durch Beidnennungen – Texte nicht unverständlicher mache.

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