Typo-Magie: Ein Nachruf auf Schriftgestalter Hermann Zapf

8. Juni 2015
Hermann Zapf ist am 4. Juni in Darmstadt verstorben. Foto: Privat

 

Wolfenbüttel. Die Herzog August Bibliothek trauert um Hermann Zapf, den großen Schriftgestalter und Kalligraphen, dessen Nachlass in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel verwahrt wird. Er ist am 4. Juni 2015 in Darmstadt verstorben. Seine Schriften wie Palatino, Aldus und die Optima-Schriftfamilie sind in der westlichen Welt überall präsent.

Im Jahre 1918 als Sohn eines Gewerkschafters in Nürnberg geboren, den die Nazis aus seinem Beruf drängten, wurde dann auch der junge Hermann Zapf bald in seiner beruflichen Ausbildung behindert. Er durfte sich sein Lehrfach – er wollte eigentlich Elektroingenieur werden – nicht aussuchen und begann schließlich eine Lehre als Retuscheur. Privat besorgte er sich als Jugendlicher Rudolf Kochs Buch „Das Schreiben als Kunstfertigkeit“ und brachte sich selbst das Zeichnen von Schriften bei. Früh wurden andere auf diesen begabten jungen Mann aufmerksam, so dass er bereits mit 20 Jahren für die Schriftgießerei D. Stempel AG in Frankfurt am Main arbeitete. In wenigen Jahren schuf er mit der Palatino eine wunderschöne Schrift, die der 30-jährige 1949 vorlegte und welche die Welt des Druckes eroberte. Diese nach dem Renaissancekünstler Giambattista Palatino und einmal als „sichere und freundliche Schrift“ bezeichnete Schrift gehört bis heute zu den beliebtesten überhaupt.

Hermann Zapfs Werk hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Typografie in der ganzen westlichen Welt beeinflusst. Nicht zu trennen ist sein Werk von der Begegnung mit der im Januar 1918 geborenen Gudrun von Hesse. Ohne sich zu kennen, hatten beide unabhängig voneinander dieselbe Leidenschaft, nämlich im Selbst-Studium aus denselben Büchern alles über Schrift zu lernen; er in Nürnberg, sie in Weimar. In Frankfurt schreibt Gudrun von Hesse einen Hölderlin-Text in einer klassisch schönen Antiqua. Von ihr schneidet sie später selbst Prägestempel zum Vergolden ihrer Einbände. Das Credo für ihre Bücher: Schriftentwicklung, Gestaltung und Herstellung – alles aus einer Hand.

Im Jahr 1948 kommt es zu einer folgenreichen Begegnung. Bei einer Ausstellung am Städel in Frankfurt präsentiert Gudrun von Hesse einen mit der Hand geschriebenen Hölderlin-Text. Hermann Zapf und dem Direktor der Stempel AG gefällt diese Schrift außerordentlich. Man beschließt, daraus eine Druckschrift zu entwickeln, die Gudrun später „Diotima“ nennt. Wenige Tage später begegnen sich Hermann Zapf und Fräulein von Hesse persönlich. Am 1. August 1951 wird geheiratet. Von beiden geht eine die Schriften und die Typografie der Welt verändernde Bewegung aus. In den folgenden Jahren entstehen von Hermann Zapf und Gudrun Zapf von Hesse zahlreiche Schriften. Sie eroberten die Druckereien der Welt und bilden gewissermaßen ein Zapf-von-Hesse-Schrift-Universum, das aus über 180 Schriften besteht.

Bereits in den 60er Jahren konzentriert sich Hermann Zapf auf die Digitalisierung von Schrift. Frühe Studien zeigen die Auflösung schwungvoller Rundbögen in Raster- und Vektor-Grafiken. Darin endlich triumphiert sein konstruktives Ingenieurs-Denken. In Deutschland ist er mit diesen Pionier-Arbeiten seiner Zeit weit voraus. In den USA dagegen stoßen seine Digitalisierungs-Ideen sofort auf Begeisterung. Am Rochester Institut of Technology wird eigens für ihn ein Lehrstuhl für „Typografic Computer Programming“ eingerichtet, von dem aus er seinen Schrift-Enthusiasmus auf junge amerikanische Designer überträgt. Ab 1977 pendelte er für eine Dekade zwischen Darmstadt und Rochester. Es ging um nichts weniger, als alle Kenntnisse und Tricks des typografischen Fachs in die digitale Welt des Computers zu überführen. In New York gründet er auch eine eigene Firma, die Konzepte für Typografie-fähige Computer-Anwendungen entwickelt (DPII). So wird Steve Jobs auf ihn aufmerksam. 1984 ist Hermann Zapf einer der 20 Auserwählten, der von Apple einen 128k Mac geschenkt bekommt. The cube. Hermann Zapf versteht es als Herausforderung. Er arbeitet mit dem Gerät.

Ein Jahr später lädt Steve Jobs ihn und sein Team nach Cupertino ein. Dort präsentieren sie das Programm ihrer Firma Design Processing International. Später finden viele seiner berühmten Schriften Eingang in die Mac History und sind immer noch serienmäßig auf modernen Apple-Computern installiert.

In allen seinen Schriften, die oft gleichzeitig auf unterschiedlichste Quellen zurückgreifen, seien sie nun ein Jahrzehnt alt oder ein Jahrtausend, spiegelt sich seine Liebe zum Handwerk: die Synthetisierung ist der eigentlich kreative Akt. Seine exzentrische, mit programmierten Varianten bestückte Schmuckschrift Zapfino Extra wurde 2001 von Apple erworben und von Akira Kobayashi digitalisiert. Zapf war jetzt schon über 80 und ließ sich jeden Tag etwas einfallen.

Hermann Zapf war zeitlebens offen für andere Kulturen. Er entwarf auch kyrillische, hebräische, arabische Schriftzeichen, außerdem das pannigerianische Alphabet sowie die Sequoyah-Silbenschrift der Cherokee-Indianer. Sein Engagement reichte bis in unwahrscheinliche Nischen. Die Frau eines Industriellen in Pittsburgh etwa stiftete eine Sammlung rarer botanischer Bücher. Für den Sammlungskatalog der Universität wünschte sie eine spezielle Schrift – Zapf lieferte sie, die Hunt Roman. Er ließ sie dort, als Rarität, für Connoisseure.

Hermann Zapf hat als Typograf die deutsche und auch die internationale Typografie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wesentlich geprägt. Seine Schriften haben an prominentesten Orten Verwendung gefunden, so unter anderem auch bei der nationalen Gedenkstätte der USA, dem Vietnam Veterans Memorial der Künstlerin Maya Ying Lin, die eine Schrift Hermann Zapfs verwendete für die Gravur der Namen der im Vietnam-Krieg gefallenen amerikanischen Soldatinnen und Soldaten.

Zahllose Preise und Ehrungen begleiten den gemeinsamen Weg von Hermann Zapf und seiner Frau Gudrun. Unter anderem wurde im Jahr 2002 in San Francisco der 2. September zum Hermann and Gudrun Zapf-Day erklärt. Diese Ehrung für einen Schrift-Designer ist ohne Beispiel.

Hermann Zapf hat über seine Schriften hinaus ein umfangreiches graphisches Œuvre geschaffen und kann als eine zentrale Gestalt der Typografie und des Buchdrucks gelten. In seinen Worten war Schrift „zwei-dimensionale Architektur“. Sein lebenslanges Streben nach Vervollkommnung spricht aus dem Satz, den der 95-jährige Hermann Zapf in einem Interview formuliert: „… ich würde auch manches wieder anders machen … man ist ja nie zufrieden mit seiner Arbeit … weil man immer denkt, das kannst du noch besser machen …“. Seit 15 Jahren lebte Zapf zurückgezogen in Darmstadt, wo er am Donnerstag, 4. Juni 2015 mit 96 Jahren gestorben ist. Er hinterlässt seine 97-jährige Ehefrau Gudrun Zapf-von Hesse.

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